Mitbringsel aus einer verblassenden Welt

Jan Creutzenberg für Korea Forum 08/2016


Florian Bong-Kil Grosses neuer Bildband Hanguk erreicht mich in feines Seidenpapier verpackt, versehen mit dem typisch roten Künstlerstempel des Autors. Ist dies ein weiteres Coffee-Table-Buch über Korea, mit farbenfrohen Bildern eines Landes zwischen Tradition und Moderne, also jahrhundertealte Paläste inmitten flackernder Lichter der Großstadt etc.? Ich öffne das Paket und schaue mir das Buch genauer an. Schwarz prangt der Titel in zwei Sprachen – oder besser: zwei Schriften – auf dem hellen Bild eines Sandstrandes. Auch der deutsch-koreanische Name des Autors suggeriert eine Doppelexistenz: Ein fotografischer Bericht über eine Selbsterkundung zwischen zwei Heimaten? Ein Buch für koreanische und internationale Leser? Auf der Innenseite des Buchumschlages sehe ich zuerst die handgeschriebene Nummer: 106 von 750. Eine exklusive Edition, ein edles Fotobuch, das sicher noch die eine oder andere Überraschung bereithält. Und so kommt es dann auch.


Beim Betrachten der Bilder sticht mir als erstes die Pastellpalette ins Auge: Zartes Rosa, diverse Grautöne, viel Beige, hellblaues Meer, Baumkronen in blassem Grün. Ein sanfter Nebel liegt über den Szenen, die Grosse mit seiner Kamera eingefangen hat. Häufig scheinen die hellen Töne auf den großzügig angelegten Seiten zu verschwimmen. Selten habe ich so weiße Himmel, Wände oder Wasserflächen gesehen. Die Menschen, wenn welche zu sehen sind, treten in den Hintergrund, wenn auch nicht immer im buchstäblichen Sinne. Sie wirken winzig inmitten der sie umgebenden Hochhäuser oder verblassen in den Farbflächen. Oder sie haben den Blick gesenkt, abgewandt oder sind anderweitig verhüllt. Eine Frau mittleren Alters etwa schützt beim Workout am Flussufer ihr Gesicht mit einem großen Visor vor der Sonne. Sie bewegt sich quer durch das Bild, in dem sich, Ton in Ton, die Tiefenebenen sorgfältig aufeinander schichten: der Fußweg, das Wasser, der Park am gegenüberliegenden Ufer, die Beton-Skyline aus Hochhäusern und Highway. Noch weiter hinten vermengen sich Bergsilhouetten mit dem Himmel. Nicht alle Personen manövrieren so souverän durch die blasse Welt wie diese Frau. Doch auch der Grundschüler, der im Schatten eines Sperrmüllstapels seine Hausaufgaben macht, und der Rentner, der auf einem Parkplatz mit Meerblick den Hula-Hoop-Reifen kreisen lässt – sie fügen sich wie selbstverständlich in die Landschaft ein, scheinen keine Augen zu haben für das, was sie umgibt.


Zwischen diesen lässig-gelangweilten Alltagsszenen finden sich aber auch suchende Blicke und einsame Posen, bevorzugt in Küstennähe. Manche Bilder scheinen bewusst an Motive der Romantik angelehnt zu sein. Die Frau mit der Blumenbluse zum Beispiel, die von einer Betonbarrikade hinaus aufs – natürlich weiße – Meer schaut, die Hände in die Hüften gestemmt. Andere Bilder wirken auf den ersten Blick rätselhaft: Was treiben die zwölf Sicherheitsmänner (?) auf einer Freifläche jenseits der Hauptstraßen des geschäftigen Stadtzentrums? Ein zweiter Blick zeigt: Sie spielen Fußball im Schatten des knorpeligen Baumes, der mit weit ausladenden verzweigten Ästen, abgestützt und eingezäunt, einem Relikt aus einer anderer Zeit gleicht. Eine Mittagspause im Schatten der Wolkenkratzer, während von weitem eine übergroße Figur (eine Skulptur des US-amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky) den Hammer schwingend zurück zur Arbeit ruft.


Während einige der Bilder kleine Geschichten erzählen und zum Spekulieren einladen, gehen andere näher heran, bis hin zur Abstraktion. Ein düsteres Schwarzweißfoto zeigt zum Beispiel eine poröse Fläche mit zum Teil abgerundeten, zum Teil scharfen Kanten. Es könnte die Detailaufnahme eines Felsens sein, der über Jahrhunderte von den Gezeiten geformt wurde, aber eindeutig ist das nicht. Auch die Dimensionen des Bildobjektes sind völlig unklar. Und: Wurde es von oben, von der Seite oder auf dem Kopf fotografiert? Wie auch in anderen, kaum einfacher zu verortenden Bildern von Waldflächen, schier grenzenlosem Meer oder durch Wolken hindurchschimmernden Sonnenstrahlen, geht es nicht um eine Herbeirufung des Hier und Jetzt in dem das Foto geschossen wurde. Auch inwieweit etwas von der koreanischen Lebensrealität erkennbar ist, spielt keine Rolle. Hier ist das andere Ende des Spektrums erreicht, wenn Wirklichkeit sich zur reinen Materialität verdichtet.


Ob zufällige Installation abseits des Weges, einsames Naturspektakel oder die reine Oberfläche aus nächster Nähe – Grosse fängt auf scheinbar simple Weise Situationen ein, die zur eingehenden Betrachtung einladen und denen dabei häufig ihre zeitliche Dimension völlig abhanden kommt. Die Bilder präsentieren sich in ihrer ganzen Vielfalt, mal doppelseitenfüllend, mal in Passbildgröße, schwarz-weiß und in Farbe, allein oder in Kombination, gelegentlich dunkel wie die Nacht, meist hell und blass. Der Weißraum der Seite breitet sich oft bis in die Bilder hinein aus und wird zum eigenständigen Gestaltungsmittel. Eine Leinwand, auf die sich die Eindrücke des Fotografen projizieren, in formell ausgefeilten Ansichten von Alltagssituationen, übersehenen Mustern und melancholischen Momenten. Doch wer ist hinter der Kamera? Was verbindet die unterschiedlichen Augenblicke, die in diesem Buch zusammenfinden?


Zwischen den Seiten entdecke ich einen pastell-pinken Einleger, der zweisprachig Aufschluss über den Entstehungsprozess und den Hintergrund des Bildbandes gibt: Grosse wurde von einer deutschen Familie adoptiert und besuchte sein Geburtsland Korea zum ersten Mal als erwachsener Fotograf. Die Kamera bietet ihm die nötige Distanz und fokussiert gleichzeitig seinen Blick auf die koreanische Umwelt, zu der er ein zwiespältiges »Gefühl der Verbundenheit, ein ebenso Fremd- und doch seltsames Vertrautsein« empfindet. So entstand eine Sammlung von sehr persönlichen Eindrücken eines Besuchers, Rückkehrers, Feldforschers, der sich inmitten der überfüllten Metropole nach Augenblicken der Ruhe sehnt. Diese findet er in den Gassen Seouls wie in der scheinbar unberührten Natur, am Rande des Parkplatzes wie am perlweißen Strand.


Künstlerisches Experiment mit den Farben und Formen einer »morgenstillen« Moderne? Kritischer Essay über eine Gesellschaft mit verblassenden Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umgebung? Visuelles Tagebuch eines Reisenden zwischen den Welten? Florian Bong-Kil Grosses heterogenes Fotoalbum bietet viele Ansatzpunkte, so dass sich die wiederholte Betrachtung lohnt. Man muss sich nicht für Korea interessieren, um den visuellen Streifzug zu genießen, auf den er in seinem Buch einlädt. Wer schon einmal dort gewesen ist, mag Details wiedererkennen, Orte identifizieren oder Anlässe finden, in den eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Aber trotz ihres dokumentarischen Gestus’ sind die Bilder keineswegs informativ im engeren Sinne. Eher sind es Mitbringsel aus einer Welt, die nur in der Kamera existiert und sich nur kurzzeitig auf Papier bannen lässt. Fast alle Fotos sind auf die eine oder andere Weise reizvoll, die meisten öffnen sich unterschiedlichsten Lesarten, einige erinnern in ihrer minimalistischen Prägnanz an inszenierte Aufnahmen. Grosse ist mit Hanguk ein unterhaltsamer, dabei vielschichtiger und in seiner Leichtigkeit zum spontanen Durchblättern einladender Bildband gelungen. Er sei jedem empfohlen, der sich für ungewohnte Blickweisen begeistern kann und offen ist für überraschende ästhetische Entdeckungen. Egal ob in Korea, in Deutschland oder anderswo.




Jan Creutzenberg, promovierte an der Freien Universität Berlin über Pansori und das koreanische Gegenwartstheater. Daneben arbeitet er als Assistent in der Kulturabteilung des Goethe-Instituts in Seoul. In seinem Blog seoulstages.wordpress.com berichtet er von seinen Theatererfahrungen und stellt wissenschaftliche Ansätze zu Pansori und anderen Themen vor.